Ein Widerspruch? Vielleicht, und doch nicht. Das Sterben gehört zum Leben, nicht zum Tod. Sterben ist menschlich. Ob das Sterben das Einbruchstor Gottes ist, der auch die Bruchstücke des Lebens vollenden kann? Aber wem gehört der Tod? Und wer ist der Tod? Und warum beschäftigt sich die Menschheit von jeher immer mit dem Tod?
Alle Kulturen und Religionen haben sich mit dem Sterben des Menschen, mit dem Tod auseinandergesetzt, es wird auch in Zukunft so sein. Denn der Tod ist nie harmlos, man kann ihn nicht verdrängen. Man kann das Sterben zwar hinauszögern, Sterbende medizinisch für Zeit am Leben erhalten, aber den Tod können wir nicht verhindern. Trotz aller technischen, oft wahnwitzigen und zweifelhaften Versuche, bleibt der Tod wirklich. Weder das Einfrieren, noch die Künstliche Intelligenz, noch die vielen anderen unwissenschaftlichen Gauklereien werden dem Menschen keine selbstgemachte Ewigkeit garantieren. Für immer zu leben, ein grenzenloses Leben, ein Leben in Dauerschleife wäre unmenschlich, unerträglich und lebensfremd. Leben ist begrenzt und gestundet. Nur Gott ist ewig, er schreibt Ewigkeit, für uns unvorstellbar und letztlich unergründbar, ein Geheimnis des Glaubens.
Ich muss gestehen: Vor dem Sterben habe ich Angst, nicht vor dem Tod. Denn der Tod entzieht sich meinem Zugriff, nicht das Sterben. Ich durfte viele Sterbende begleiten in der Zeit, in der ich neben der Schul- und Studienzeit im Spital auf der Chirurgie gearbeitet habe. Ich konnte es nicht ertragen, dass Sterbende zum Sterben allein in ein Extrazimmer abgestellt wurden. Ich konnte auch mit meinen sterbenden Eltern beten und sie und die verstorbenen Mitbrüder in Mariazell in den Sarg betten. Das Beten für die Verstorbenen mitten in den Familien und zuhause war mir von klein auf vertraut. Die Verstorbenen wurden zuhause aufgebahrt, Sterbekreuz und Rosenkranz als Mitgift in den Sarg, waren für alle Familienmitglieder, auch für die Kinder, immer schon gerichtet. Es gab bei uns sogar ein besonders schönes Zimmer, das nicht dem Alltag gehörte. In diesem wurden die Kinder geboren und die Verstorbenen aufgebahrt, außerdem diente es als Gästezimmer. Geburt und Sterben, Aufbruch ins irdische Leben und Durchbruch in das ewige Leben, haben sich so tief in die unaufgeregten Alltage eingeschrieben.
Die Tage um Allheiligen und Allerseelen bringen uns dazu, über unser Leben und Sterben nachzudenken, die Verstorbenen nicht zu vergessen und den Tod nicht zu verdrängen. Dass wir vor dem Sterben Angst haben, gehört zum Menschen. Sterben ist nicht planbar, nicht zu berechnen, niemand kann auf Probe sterben. Auch ein geplanter Suizid, gesetzlich zwar möglich, ist mit viel Ungewissheiten, mit Verschweigen, oft auch mit dem Ausüben unmenschlicher Druckmechanismen verbunden. Sterben fordert und überfordert die Menschen, Sterben kann eine Last und ein Geschenk sein. Sterben kann die Verdichtung des Lebens und die Begegnung mit Gott sein. Für die Menschen ist der Tod das Ende, kein vorübergehender Spaziergang ins Nebenzimmer. Für Gott ist der Tod der Anfang des Ewigen Lebens, denn Gott zieht keine Grenzen: „Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und stirbt, bringt es keine Frucht und bleibt allein!“
Früher einmal hatten die Menschen feste Antworten auf den Tod und das Leben im Jenseits: Himmel, Hölle, Fegefeuer. Ich erinnere mich noch gut an die bildhaften Darstellungen in meinem ersten Schulkatechismus. Mittlerweile reden die Prediger und Theologen wenig von den letzten Dingen und vom Jüngsten Tag. „Aufgeklärte“ Gläubige reden gerne von „Auferstehungsfeiern“, wenn sie vom Begräbnis, der Trauerfeier und vom Requiem reden. Das klingt so, als würden die Menschen die Auferstehung machen, den jüngsten Tag bestimmen und über Gott verfügen. Ob der Himmel die Gemeinschaft mit Gott, das Leben in der Gegenwart Gottes ist? Ob die Hölle die Entfremdung, die Trennung von Gott und von den Menschen ist? Ob das Fegefeuer die Zeit des Ringens mit Gott, die Zeit der Erkenntnis und der Gnade ist, die nur Gott schenken kann? Wir wissen nur wenig, denn Sterben und Tod ist keine Anhäufung von Fakten und Taten, von Erfolgen und Scheitern, von Erinnerungen und Verdrängen. Denn Gott ist ein Gott des Lebens und des Todes. Ihm gehören Leben, Sterben und Tod, sie sind ihm nicht fremd. Er ist die Auferstehung und das Leben. Wer an ihn glaubt, wird nicht sterben!“
Und so bete ich für die Verstorbenen, besuche ihre Gräber, entzünde ein Licht und falte die Hände. Und ich denke an die Zeit, die mir noch geschenkt ist und bitte: „Herr lass mich nicht untergehen, denn bei dir ist Leben in Fülle!“
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