In jeder heiligen Messe hören wir neben anderen heiligen Lesungen die Verkündigung des Evangeliums. Die Namen Matthäus, Markus, Lukas und Johannes sind uns wohlbekannt. Manchmal verstehen wir den Inhalt des Gehörten, doch zuweilen verwirren uns die von den Evangelisten geschilderten Ereignisse oder die Paradoxien in den Worten Jesu so sehr, dass wir uns fragen: Muss sich da nicht ein Druckfehler eingeschlichen haben? Doch dies ist keine Lektion über das Verständnis der Heiligen Schrift, sondern eine Erinnerung daran, dass Gottes Wort – ebenso wie die Menschen, die es lesen – dem Lauf der Zeit trotzt. Nicht nur die Worte selbst sind überliefert, sondern auch die Symbole, die wir mit ihnen verbinden.
In der klassischen Ikonografie wird jeder Evangelist von einem bestimmten Lebewesen begleitet. Da ein Bild bekanntlich mehr als tausend Worte sagt, wollen wir nun erläutern, welches Symbol zu welchem Evangelisten gehört und warum.
Matthäus wird als reifer, nachdenklicher Mann dargestellt, an dessen Seite eine menschliche oder engelhafte Gestalt erscheint. Es wirkt, als flüstere diese Gestalt ihm das Evangelium zu, damit er es niederschreiben kann. Diese menschenähnliche Gestalt steht ihm zur Seite, weil der Beginn des Evangeliums mit dem Stammbaum Jesu eine zutiefst menschliche Geschichte entfaltet, mit der auch wir uns identifizieren können.
Auch wir haben unseren Stammbaum. Auch wir haben Vorfahren, Nachkommen und Zeitgenossen. Dieser Anfang des Evangeliums verweist – neben verschiedenen Bedeutungsebenen – noch auf etwas anderes: auf die Menschwerdung Jesu zu einem bestimmten historischen Zeitpunkt. Und wenn dies mit der zeitlosen Botschaft des Evangeliums verknüpft wird, rücken dieselben Ereignisse in unsere Gegenwart.
Der Zweite im Bunde ist Markus. Wir kennen diese Ikonografie zur Genüge: Der Evangelist wird von einem Löwen begleitet – mal brüllend, mal etwas zahmer. Seine üppige Mähne und die Darstellung als ausgewachsenes Tier verweisen auf den Beginn des Evangeliums, das die Geschehnisse in die Zeit des Erwachsenenalters Jesu und den Beginn seines öffentlichen Wirkens verlegt. Zugleich erinnert uns das Bild an Johannes den Täufer und seine „Stimme, die in der Wüste ruft“. Diese prophetische Verkündigung – die auch Assoziationen an das Leben des Propheten Daniel und die Löwengrube weckt – vermittelt uns, dass sich die Verheißungen Gottes an sein Volk in Christus erfüllen, der das Alpha und das Omega ist.
Unter den synoptischen Evangelisten ist Lukas der dritte und letzte. Sein Evangelium gleicht dem Rücken Jesu, der von Peitschenhieben gezeichnet ist; durch die Begegnungen mit verschiedensten Menschen tritt die menschliche Verwundbarkeit in den Vordergrund. Zudem erinnert uns Lukas daran, dass Gott – so überraschend dies auch sein mag – der Verwundbarkeit einen höheren Wert beimisst als dem Stolz und der Sicherheit, die wir in unserem eigenen Wissen und Können finden.
Sein Symbol ist der Ochse, ein Lasttier und das einzige Haustier unter den Evangelistensymbolen. Der Ochse erinnert uns an das Tieropfer sowie an den Beginn des Evangeliums, als Zacharias im Tempel die Botschaft erhält, dass ihm ein Sohn – Johannes der Täufer – geboren werden wird. Schließlich dienten Tiere – je nach Art und Zweck der Opfergabe – als Blutopfer.
Das Johannesevangelium beschließt die Reihe der Verkündigungen. Wir betrachten das Johannesevangelium auch als ein geistliches Evangelium; es legt großen Wert auf die Bedeutung dessen, wer hinter den Ereignissen im Leben Jesu steht. Die Ereignisse sind symbolisch sorgsam ausgewählt, da ihre Aussage vielschichtig und tiefgründig ist.
Deshalb ist das Symbol des Johannes der Adler, der die als Jüngling dargestellte Gestalt des Johannes auf wunderbare Weise begleitet. Diese Jugendlichkeit verweist jedoch nicht nur auf sein Alter, sondern auch auf seine Sohnschaft zu Jesus sowie auf unsere eigene geistige, ewige Jugend – die, so hoffen wir, von Weisheit begleitet wird.
Der Adler steht für jene bekannte „Vogelperspektive“ – also für den Augenblick, in dem wir die Dinge aus Gottes Sicht betrachten. Wir erleben dies gleich zu Beginn des Evangeliums, wenn wir von der Schöpfung durch das Wort und der Identifikation mit dem Wort lesen.
Tatsächlich kann nur ein Mensch seine Gedanken und Gefühle – seinen Glauben, seine Hoffnung und seine Liebe – in Worte fassen: Worte, die andere Herzen aufbauen oder sie im Gegenteil zerbrechen können. Worte erinnern uns an unseren freien Willen und unsere Vernunft – Eigenschaften, durch die wir Gott ähnlich sind.
Was in der Symbolik der Evangelisten fehlt, ist ein Meeresbewohner – etwa ein Fisch oder Ähnliches. Doch bei näherem Nachdenken ist dies gar nicht nötig, denn die gesamte Kirche ist ein Aquarium voller metaphorischer Meeresbewohner – Wesen, die im schlimmsten Fall hochmütig, im besten Fall jedoch verletzlich sind. Wäre dem nicht so, hätte Gott sich selbst nicht verwunden lassen.
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